
Drei Linden
Es war im langen und bitterkalten Januar 1929. Drei Jahre zuvor hatte die Erft nach einer Schneeschmelze die ganzen Bende überflutet und bis zum Pötzplatz einen Riesensee gebildet. Jetzt aber lagen ganz Neuenhausen, Bruch, Welchenberg und Felder unter einer riesigen Schneedecke. Die Bewohner hatten beiderseits der Straßen, Plätze und Gassen regelrechte Gänge freigeschaufelt. Die klirrende Kälte hielt über lange Wochen an.
An einem Abend saß ich, wie so oft, bei Oma und Opa in der Stube. Ihr Haus stand in der Feldgasse (heute Vollratherstr. ) da, wo Peter Heinz Schiffer sein Haus gebaut hat. Auf dem Tisch strahlte eine Standpetroleumlampe flackernde Helligkeit und Behaglichkeit aus. Im großen eisernen Rundofen prasselten Holzscheite. Es war so richtig gemütlich und mollig warm. Das ganze Leben verlief damals schlicht und einfach. Es war von Herzenswärme und Menschlichkeit geprägt.
Oma hatte mir die damals beliebte "Botteramm möt Botter, Klatschkies und Krock" ( Weißbrotschnitte mit Butter, Quark und Rübenkraut ) zurecht gemacht und ein Glas heiße Milch dazu gestellt. Au, das schmeckte. Nun saß sie am Tisch, hatte eine Brille aufgesetzt und häkelte an einem Tischdeckchen. Ich selbst hockte auf einem Bänkchen, den Rücken an die Wand gelehnt und schaute --- na, auf wen wohl ? Natürlich auf Opa.
Der thronte förmlich in seinem Lehnstuhl neben dem Ofen, paffte behaglich an seiner langen Pfeife und hatte wie immer, trotz seines etwas streng wirkenden schmalen Gesichts, in solcher Abendstunde ein warmes Licht in den Augen. Er lächelte zu mir hin und meinte: "Na, Hänschen, was möchtest Du heute gerne wissen?" Ich darauf: "Opa, Du als Veldschötz (Feldhüter, so etwas wie ein Feldgendarm) weißt doch alles. Ich war doch mit Pitter und Karl im Herbst an den "Drei Linden". Komisch, tagsüber sieht man manchmal Leute, nach Vollrath herüberschauend, auf den Knubbel, auf dem die Linden neben ein paar anderen Bäumen und Sträuchern stehen. Abends jedoch ist niemand zu sehen. Als die Sonne Richtung altes Kloster versank, und aufkommender Wind in den Blättern raschelte, wurde auch uns etwas mulmig und wir machten, dass wir auf dem Feldweg, der von Vollrath in etwa 250 m Entfernung am Knubbel vorbei zur Königslindenstraße führte, nach Hause kamen. Stimmt es, was Erwachsene erzählen? Ist da vor langer Zeit etwas sehr, sehr Schlimmes passiert?"
Opa - er war in der Großfamilie angesehen wie ein Patriarch - paffte noch ein paar mal behaglich an seiner Pfeife, und meinte dann: "Junge, dann höre genau zu und behalte das, was ich Dir jetzt erzähle. Es war nicht mit Dokumenten zu belegen, aber nach Überlieferungen, die von Generation zu Generation weiter getragen wurden, soll sich folgendes zugetragen haben....."
Und das, Freunde, was Opa dann erzählte, habe ich behalten, und für Euch als Träger des Namens "Drei Linden" in nachstehendem Gedicht sowohl in unserer Mundart als auch in Hochdeutsch - letzteres, soweit möglich wortgetreu.
DREJLENGCHER
Ech dös em Jras un lausch demm Rausche,
Drejlengcher wispre fein em Wengk
De Blare rieve sech un tuusche
Et Leedche uus, dat höck noch klengk.
Dat Leed verzällt, dat hej e Mädche,
E Kengk bal noch un richtich fein,
Dr Dud vong, weil wie en Kartätsche
Dr Rof zerplatzde hongsjemein.
E hässlich Wiev verspröhde Jeifer
Op alles, wat noch jong un schön
Un sabbelde en blengem Eifer,
Dat Mädche söng Verführungstön.
Ooch singe Mann, dä alde Troddel,
Hött et ömjarnt janz ohn Moral.
Dä brave Schlupp, trotz Huarjezoddel,
Wör ömjekippt em Arfatal.
Om Welcheberch trat dröm zesamme
De Thing-Versammlung zom Jericht.
Die dit dat ärme Kingk verdamme
Die Alde feixte widerlich
Op Vroge, ov se künt beschwöre
Verführungstate van dem Kingk,
Reef se, als wüll se jett bretöre:
"Ech schwöre dat bej Donars Wengk."
Wir ihre Mann dann dit möt Nicke
Bekunde, dat si Wiev hott reiht,
Sproch dat Jerich ohn Mötleeds-Kicke:
"Dat Kengk muss sterve. Et es schleiht."
Zur Richstätt didde se dann führe
Dat Mädche, kalkig wiess un blass,
Vam Meineid-Wiev wor stets ze hüre
Em Hohnjezeter blanke Hass.
Dat Mädche reef em Häng-Ophiave:
"Drej Lengcher kumme hej eruus.
Die künde, wenn ameng mi Liave,
Dat ech en Unschuld hauch et uus."
Et bööch dr Kopp, dann Richtschwert-Sause.
Ne Schlach, jepaart möt dumpfen vall.
Ne Wengkstoss, jäh, wie fluchend Brause.
Ne Bletz ! E Kraache ! Zürnungsknall ?
Do jing e Kriesche durch die Vraue.
Die Ahl schlech stickum vott, janz schnell.
Dags drop, kunt mr sing Ooge traue ?
Drej Lengcher sprosse an derr Stell.
Un immer dann, wenn et dit brenne,
De Bööm total kapott, verbrangk,
Sohe de Löck em Nöjjier-Renne
Drej Lengcher, nöj am Knubbelrangk.
DREI LINDEN
Ich döse im Gras und lausche dem Rauschen
Drei Linden wispern fein im Wind
Die Blätter reiben sich und tauschen
Ein Liedchen aus, das heut noch klingt
Das Lied erzählt, dass hier ein Mädchen
Ein Kind bald noch richtig fein
Den Tod weil wie ein Kartätsche
Der Ruf zerplatzte hundsgemein
Ein häßlich Weib verspühte Geifer
Auf alles, was noch jung und schön
Und sabbelte in blindem Eifer
Das Mädchen säng Verführungstön
Auch seinen Mann, den alten Trottel
Hät es verführt ganz ohn Moral
Der brave Mann trotz Haargezottel
Wär umgekippt im Erftfluß - Tal
Auf dem Welchenberg trat drum zusammen
Die Thing-Versammlung zum Gericht
Sie tat das arme Kind verdammen
Die Alte feixte widerlich
Auf Fragen ob sie könnt beschwören
Verführungskünste von dem Kind,
Rief sie, als wollt sie was betören:
"Ich schwöre daß bei Donars Wind"
Wie Ihr Mann dann tat mit Nicken
Bekunden, daß sein Weib hab Recht,
Sprach das Gericht ohn Mitleidsblicken:
"Das Kind muß sterben. Es ist schlecht"
Zur Richtstätt taten sie dann führen
Das Mädchen, kalkig weiß und blaß
Vom Meineid-Weib war stets zu hören
Im Hohngezeter blanker Haß
Das Mädchen rief im Händ-Aufheben:
"Drei Linden kommen hier heraus
Die künden, wenn am End mein Leben,
Daß ich in Unschuld hauch es aus."
Es beugt den Kopf, dann Richtschwert-Sausen.
Ein Schlag , gepaart mit dumpfem Fall
Ein Windstoß, jäh, wie fluchend Brausen.
Ein Blitz! Ein Krachen! Zürnungs-Knall?
Dann ging ein Weinen durch die Frauen,
Die Alte schlich heimlich fort, ganz schnell.
Tags drauf, konnt man seinen Augen trauen?
Drei Linden sprossen an der Stell.
Und immer dann, wenn es tat brennen,
Die Bäum total kaputt, verbrannt,
Sahen die Leute im Neugier-Rennen
Drei Linden neu am Hügelrand
Irgend etwas, wenn nicht alles, ist an solchen Geschichten immer wahr. Die Versammlungsstelle des "Things" lag mit größter Wahrscheinlichkeit im Welchenbergwald, etwa auf halber Strecke zwischen meinem Hausgrundstück und Haus Welchenberg (Zunächst Kindererholungsheim und dann Gau-Schulungsberg). Hier lagen in einem Rund von etwa 12-15 Meter zu meiner Jugendzeit wie ein Kreis mit Zwischenräumen Steine der verschiedensten Art. Diese Steine konnten nach ihrer Größe und Lage nur Sitzzwecken gedient haben. Ähnliche Steine waren auf dem Welchenberg nicht zu finden.
Sie müssen von Menschen zu diesem Ort geschafft und abgelegt worden sein. Uns dienten sie ideal zum Ausruhen, wenn wir vom "Räuber und Gendarm-Spiel" durchgeschwitzt und tief atmend verpusten mussten. Ob die Heranschlepper Kelten waren, die sich sicherlich mit einer noch nicht bekannten Urbevölkerung mischten, ob es sich um mit den Römern verbündete Ubier, ein Germanenstamm, der aus dem Raume zwischen Rhein und dem nördlichen Maingebiet (Rhein-Main-Taunus) zwischen Köln und Erft angesiedelt wurden- handelte oder schon um Franken nach dem Rückweichen der Römer, dürfte leider kaum klärbar sein. Fest steht aber, dass Steine , die so angeordnet waren, nur Versammlungszwecken dienten. Heute sucht man diese Steine vergeblich.
Ausgerechnet die, die sich so auf die Vergangenheit beriefen, und alles aus unserer Vorgeschichte fast anbeteten, wurden zu Zerstörern dieser Stätte. Als ich nach meiner Rückkehr aus dem Krieg und Gefangenschaft den Welchenberg durchstreifte, und mir so manches Schöne aus der Jugendzeit wieder bewußt wurde, fiel mir sehr bald das Fehlen
der Steine auf. Trotz intensiver Suche fand ich keinen mehr.
Christian Dahmen, vielen noch als Zugführer des Grenadierzuges "Königslinde" und als St. Martin hoch zu Roß in guter Erinnerung und mit mir viele Jahre im Vorstand der Bruderschaft verbunden, grinste eines Tages auf meine Frage, ob er als Buschkenner wisse, wo die Steine verblieben seien, und sagte: "Hans, ausgerechnet die, die als sogenannte Germanenabkömmlinge ein Interesse an der Erhaltung dieser Anlage hätten haben müssen, haben die Steine buchstäblich geklaut. Sie lagen und liegen wahrscheinlich immer noch in Vorgärten und Hinterhausgärten der "braunen Häuptlinge", die nach dem Vertreiben von Ordensschwestern und mit dem damit verbundenen Schließen des Kindererholungsheimes (1933-1934) in der Gauschulungsburg geschult wurden. Ich selbst mußte die Steine mit Pferd und Ketten aus dem Busch herausziehen und nach Verladen auf Kutschwagen des Klostergutes - da konnte sie keiner sehen - über einen Zeitraum von vielen Wochen nach Rheydt, Krefeld, Duisburg, Düsseldorf, Neuss und anderen Domizilen in Nacht und Nebelaktionen karren. "Nee", meinte er, als er meine Frage spürte," ich könnte die Stellen nie mehr wiederfinden."
So wurden also auch bei und so genannte "Nazigrößen" zu Vernichten eines einmaligen Kulturgutes, wie man es in weiten Landstrichen vergeblich sucht.
Dass überlieferte Erzählungen, mögen sie auch noch so sehr als nebulös von "Besserwissern" abgetan werden, auf irgendeinem Gewesenen und Dagewesenen basieren, mag folgende zur bewiesenen Tatsachen gewordene "Aucherzählung" beweisen:
Wenn vor Jahrzehnten die Erft alljährlich über die Ufer trat, dann blieb in breiten grabähnlichen Mulden unmittelbar an der Erft Restschmelzwasser nach dem wiederabfließen des Wassers zurück. Setzte dann wieder, und das war oftmals der Fall, Frost ein, hatten wir die schönste Eisfläche zum Schlittschuhlaufen.
Die Stelle liegt in der gedachten Verlängerung der heutigen Wupperstraße, fast am Ostufer der Erft. Sie trug den Namen "Ob dr Burch" (Auf der Burg). Backsteine- der an der Bruchstraße eine Göbelmühle betreibende Anton Schenkel nutzte solche für Stallbauten- zeugten davon, daß hier Bauwerke gestanden haben.
Aber eine Burg in Neuenhausen? So ein Blödsinn. Die haben Ihren "Römerstein" an der Kirche, die haben ihre "Drei Linden", die haben ihren "Willibrordus-Brunnen" und nun wollen sie auch noch ihre Burg. Die spinnen doch die Neuenhausener.
Ich selbst mußte mir in einem Gespräch mit einem ehemaligen Gustorfer fast hämisch sagen lassen, man habe noch beim letzten Frühschoppen in Gustorf über den Neuenhausener Burgglauben gelacht. Wenn überhaupt, dann habe Gustorf an der als "Ob dr Burch" bezeichneten Stelle diese gehabt. Die Erft sei ja verlegt worden. Letzteres stimmt nicht, verdeutlichte ich ihm. Er müsse bei seinen Kenntnissen über das Neuenhause´ner Bruch wissen, daß die Erft dort in ihrem alten Bett verlaufe. Der gute Mann hatte aber abgesehen hiervon, Pech mit seiner Häme, wußte er doch nicht, daß kurz zuvor der Beweis für die Neuenhausener Burg gefunden worden war. Der leider zu früh verstorbene Hans Schiffer, Sohn des Hauptmanns der Jagdfaklken, Jakob Schiffer, war über Jahre bemüht, etwas Licht in das Dunkel unserer Heimat zu bringen. Bei seinen Nachforschungen war er im Hauptstaatsarchiv in Düsseldorf auf eine Urkunde Nr. 265 vom 13 April 1335 (fer.5p.palmas) gestoßen.
Nach dieser Urkunde vermachte ein Knappe Johann von Neuenhausen nach Empfang von 100 Mark (=50 Pfd. Silber) seine Burg Neuenhausen zu Lehen des Grafen Wilhelm von Jülich. Es siegelten die Ritter Gerhard von Engelstorp und Jakob von der Bongart (de Pomeris).
Ich konnte aber noch mit zwei weiteren Fakten auftrumpfen. Aus dem Jahre 1769 existiert eine Karte, in der an der Stelle "Ob dr Burch" ein Werths-Hof eingetragen ist. Eine unter Napoleon von Tranehot begonnene und von Preußen vollendete Karte, weißt den gleichen Hof aus. Von wegen Erftverlegung.
Ob die ursprüngliche Burg verfiel, abbrannte oder durch Scharmützel zerstört oder ganz einfach durch Besitzerwechsel in den Werths-Hof umgewandelt wurde, ist leider (noch)
nicht bekannt. Meine Idee, es könne eine Verbindung zum Reitergeneral Ian von Werth aus Büttgen bestehen, führte mich ins Kölner Staatsarchiv (I.v.W. wird heute noch gewürdigt - s. Karnevals-Corps). Leider konnte ich keinen Nachweis entdecken.
Als ich dem "Besserwisser" diese Daten und Fakten auftischte, meinte er bauernschlau: "Au Backe, da wird man aber in Gustorf am nächsten Sonntag beim Frühschoppen belämmert dreinschauen, wenn ich mit diesen Neuigkeiten aufwarte."
Doch nun noch einmal zu Opa. Er konnte so fesselnd und überzeugend erzählen, daß sich fast alles in meinem Gedächnis eingegraben hat. So auch, daß er selbst ein Abbrennen der Drei Linden infolge eines Blitzeinschlages erlebte und sehr erfreut, aber auch irgendwie betroffen war, als kurz danach drei neue Bäumchen an der gleichen Stelle emporsprossen.
Neuenhausen, am 19.02.1995
Hans Müller
Ehrenbrudermeister
